Zu Besuch bei der Surround-Orgel in St. Gallen
VDT-Regionalgruppe Schweiz zu Besuch bei der Surround-Orgel in St. Gallen
Text: Stefan Ritzenthaler Fotos: Daniel Meyer, Johannes Widmer, Seraina Zurlinden
Text: Stefan Ritzenthaler Fotos: Daniel Meyer, Johannes Widmer, Seraina Zurlinden
Was bedeutet immersiv, wenn der Klang nicht erst in der Mischung im dreidimensionalen Raum verteilt wird, sondern bereits das Instrument selbst den Zuhörer umgibt? Dieser Frage konnte die VDT-Regionalgruppe Schweiz bei ihrem Treffen am 10. August 2026 in St. Gallen auf ungewöhnlich unmittelbare Weise nachgehen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Surround-Orgel der Kirche St. Laurenzen, und damit ein Instrument, bei dem räumliche Klanggestaltung bereits an der Schallquelle beginnt. Die Exkursion stellte uns beinahe die gesamte Produktionskette vor, vom akustischen Original im Kirchenraum über Mikrofonierung und Aufnahmeregie bis zur späteren Wiedergabe in einer Dolby Atmos-Regie.
Auf dem kurzen Fußweg vom Treffpunkt zur Kirche durfte ein wenig Lokalkolorit nicht fehlen. Johannes Widmer, Leiter der Regionalgruppe Schweiz, brachte der Gruppe einige der charakteristischen Erker der Altstadt näher und erläuterte natürlich das Vadian-Denkmal. Der St. Galler Reformator blickt von seinem Sockel aus geradezu provokant in Richtung des katholischen Stiftsbezirks mit seiner Kathedrale.
Nur wenige Schritte weiter liegt die reformierte Kirche St. Laurenzen. Mit ihrem markanten Dach aus farbigen Ziegeln war sie das eigentliche Ziel unseres Ausflugs – und sollte uns für die nächsten Stunden vor allem akustisch beschäftigen.
In St. Laurenzen empfing uns Organist Bernhard Ruchti und führte zunächst in Geschichte und Konzeption des Instruments ein. Ausgangspunkt der heutigen Anlage ist die bestehende Kuhn-Orgel von 1979. Bei der Entwicklung des neuen Instruments entschied man sich bewusst dagegen, sie komplett zu ersetzen. Stattdessen wurde sie in ein wesentlich größeres Gesamtkonzept integriert. Nach rund acht Jahren Vorlauf erhielt die bestehende Orgel drei weitere, von Orgelbau Goll errichtete Pfeifenwerke. Heute umfasst das Gesamtinstrument 5507 Pfeifen und 89 Register. Die vier Standorte übernehmen unterschiedliche klangliche Funktionen: Im Osten der Kirche befindet sich die bestehende Kuhn-Orgel, im Süden das Flötenwerk, im Norden das Streicherwerk und im Westen das besonders kräftig disponierte Principalwerk.
Eine weitere Besonderheit ist die elektrische proportionale Traktur. Die Bewegung einer Taste wird kontinuierlich erfasst und an die verschiedenen Orgelwerke übertragen. Dadurch lässt sich das Pfeifenventil nicht nur ein- oder ausschalten, sondern entsprechend der Tastenbewegung öffnen. Auch konstruktiv ist das Instrument außergewöhnlich: Im Westwerk befinden sich unter anderem zwei echte 32‘-Register; die größte Pfeife des Violonbass 32’ ist knapp elf Meter lang. Wegen des hohen Gewichts konnte das Westwerk nicht einfach auf die historische Empore gestellt werden. Seine Last wird über Stahlträger oberhalb der Kirchendecke in die Seitenwände abgeleitet.
Der Begriff Surround-Orgel könnte zunächst an eine elektroakustische Lösung denken lassen. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: Der Klang wird vollständig akustisch erzeugt. Es gibt keine Lautsprecher, welche die Orgel räumlich verteilen. Stattdessen befinden sich die Pfeifen selbst an vier verschiedenen Positionen im Kirchenraum.
Ebenso wenig handelt es sich um vier unabhängige Orgeln. Vielmehr bilden die vier Werke gemeinsam ein einziges großes Instrument. Unterschiedliche Registerfamilien und Klangfarben sind räumlich auf die verschiedenen Positionen verteilt und können vom zentralen Spieltisch aus miteinander kombiniert werden.
Bernhard Ruchti stellte uns die einzelnen Werke und verschiedene Registerfamilien vor und demonstrierte deren Klang anhand ausgewählter Beispiele. Schnell zeigte sich, wie viele Fragen dieses Konzept gerade bei uns als tontechnisch geprägtem Publikum aufwerfen kann. Bei einer solchen Orgel verschiebt sich eine für uns Tonmeister vertraute Grenze: Die räumliche Gestaltung beginnt nicht erst bei der Wahl der Mikrofone und schon gar nicht erst beim Panning in der Mischung. Sie ist bereits Bestandteil des Instruments und der Interpretation.
Nach der Einführung durften wir die Surround-Orgel als Ganzes erleben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten im Hauptschiff Platz nehmen oder sich frei im Kirchenraum bewegen, während Bernhard Ruchti die Toccata in d-Moll von Johann Sebastian Bach spielte. Allein der Wechsel des Hörplatzes veränderte dabei die Wahrnehmung. Je nachdem, wo man sich befand, traten die unterschiedlichen räumlichen Quellen deutlicher hervor oder verbanden sich zu einem anderen Gesamtklang.
Johannes Widmer übernahm währenddessen am frei im Hauptschiff positionierten Spieltisch das Umblättern der Noten und hörte dort aus der Perspektive des Organisten. Anders als bei einer klassischen Orgel befindet sie sich nicht unmittelbar vor oder unter einem einzigen Pfeifenwerk, sondern mitten im Raum, sozusagen im räumlich verteilten Instrument.
Bemerkenswert war auch die Akustik von St. Laurenzen. Ihre Raumantwort ist für eine Kirche vergleichsweise kurz. Was zunächst vielleicht wenig spektakulär erscheinen mag, erweist sich im Zusammenspiel mit der Surround-Orgel als interessanter Vorteil: Die unterschiedlichen Standorte der Pfeifenwerke bleiben räumlich gut wahrnehmbar. Der Kirchenraum verwischt die Richtungsinformation nicht sofort in einem langen Nachhall.
Damit wurde bereits beim ersten Hören eine Frage greifbar, die uns durch den weiteren Nachmittag begleiten sollte: Wie lässt sich ein solches räumliches Erlebnis überhaupt aufnehmen?
Die Antwort darauf gaben Hans-Martin Buff und Stefan Ritzenthaler, die die bevorstehende Aufnahmeproduktion tonmeisterlich betreuten. Da Mikrofonierung und Tonregie bereits eingerichtet waren, fanden wir die Kirche nicht als Demonstrationsraum, sondern im produktionsbereiten Zustand vor.
Die Aufnahmen sollen sowohl stereofon auf CD als auch immersiv in Dolby Atmos veröffentlicht werden. Entsprechend wurde doppelt mikrofoniert, um beiden Wiedergabeformaten gerecht zu werden. Ein Teil der Mikrofonanordnungen dient der klassischen stereofonen Abbildung, ein anderer der immersiven Erfassung des Instruments und des Raumes. Stefan Ritzenthaler erläuterte die für die Stereo-Produktion eingesetzte Blumlein- und ORTF-Anordnung, während Hans-Martin Buff auf die für die immersive Aufnahme vorgesehenen PCMA-3D Array-Mikrofonierung einging. Schon der Blick nach oben zeigte, dass hier nicht nur in der Horizontalen gedacht wurde. Mehrere Hochstative ragten weit in den Kirchenraum – teilweise bis in rund 15 Meter Höhe –, um Mikrofone dort positionieren zu können, wo sich die gewünschte räumliche Perspektive ergibt.
Gerade bei einer Orgel, deren Klangquellen tatsächlich auf vier Seiten des Raumes verteilt sind, stellt sich die Frage nach der Mikrofonierung anders als bei einem Instrument, das von einem einzigen Ort abstrahlt. Soll die Aufnahme möglichst viel Räumlichkeit und Dekorrelation liefern? Oder soll sie vor allem die tatsächliche Position der vier Orgelwerke nachvollziehbar machen? Hans-Martin wählte eine Mikrofonierung, die die räumliche Anordnung der Orgel in der Aufnahme überzeugend konserviert. Er entschied sich damit gegen einen Ansatz mit maximaler Dekorrelation, der vielleicht in anderen Räumen und bei anderen Produktionen durchaus passend wäre.
Hans-Martin und Stefan zeigten uns anschließend auch die für die Produktion eingerichtete Tonregie. Sie war kompakt in einer Seitenlaterale der Kirche untergebracht und bot einen interessanten Kontrast zur Größe des Instruments und zur Vielzahl der im Raum verteilten Mikrofone. Bei den bevorstehenden Aufnahmesitzungen wird Stefan als leitender Tonmeister mit der Partitur arbeiten.
Es kamen noch viele Fragen auf: über die Gewichtung einzelner Mikrofonsysteme, über die Abbildung des Raumes, über Stereo- und Immersive-Audio und nicht zuletzt darüber, wie viel von der realen räumlichen Erfahrung einer solchen Orgel später überhaupt reproduziert werden kann.
Gesprächsstoff wäre noch für einige Zeit vorhanden gewesen. Doch die Produktion hatte Vorrang: Die Orgel musste für die bevorstehenden Aufnahmen noch fertig gestimmt werden. Nach einem Gruppenfoto machten wir uns deshalb wieder auf den Weg.
Für die Stereo-Aufnahme:
2 x Sennheiser MKH 80 – Blumlein (Hauptorgel OST), 2 x Sennheiser MKH 800 – XY (Rückpositiv), 1 x Stativ Manfrotto (max. 720 cm), 2 x MKH 8000 – ORTF (Schwellwerk), 1 x Stativ K+M, 2 x 2 MKH 8000 – ORTF (Seitenorgeln NORD - SÜD), 2 x Stativ Manfrotto (max. 720 cm), 2 x DPA 4006 – AB (Orgel WEST), 1 x Orgelstativ „custom“ (max. 1180 cm), 2 x Sennheiser MKH 50 (Becken & Gong), 2 x Stativ K+M
Das 3D-Main-Array:
Main Layer: FL – Sennheiser MKH 8040 , FC – Neumann KM 83, FR – Sennheiser MKH 8040, BL – Sennheiser MKH 8040, BC – Sennheiser MKH 8040, BR – Sennheiser MKH 8040
Height Layer: HFL – Sennheiser MKH 8050 , HFR – Sennheiser MKH 8050, HBL – Sennheiser MKH 8050, HBR – Sennheiser MKH 8050
Zusätzliche Mikrofone: SL – DPA 4006, SR – DPA 4006, 1 x Stativ Manfrotto (max. 330 cm)
Aufnahmetechnik
DirectOut PRODIGY.MC Mainframe mit 6 x MIC8.HD.IO, Magix Sequoia 17, DANTE 96 kHz
Unsere nächste Station war Gallus Media, wohin uns Johannes Widmer eingeladen hatte. Schon beim Begrüßungs-Apéro wurden Eindrücke aus der Kirche ausgetauscht, Mikrofonpositionen diskutiert und unterschiedliche Wahrnehmungen der Kirchenakustik verglichen. Anschließend ging es in kleineren Gruppen in die Dolby Atmos-Regie von Gallus Media. Tonmeister Jonathan Purchase spielte uns dort die Orgelaufnahmen aus St. Laurenzen vor.
Dieser Teil des Treffens war besonders reizvoll, weil zwischen Original und Reproduktion nur wenig Zeit lag. Wir hatten die Orgel gerade eben im realen Raum gehört, waren zwischen ihren Pfeifenwerken umhergegangen und hatten die Akustik der Kirche unmittelbar erlebt. Nun saßen wir vor einem immersiven Wiedergabesystem und konnten vergleichen, was davon in einer Produktion erhalten bleibt – und was sich bei der Mischung gestalten lässt.
Wie eindeutig sollen die verschiedenen Orgelwerke lokalisierbar sein? Wie viel Kirchenraum braucht die Aufnahme? Wann entsteht eine überzeugende räumliche Abbildung, und wann wird Räumlichkeit selbst zum Effekt? Und wie verhält sich das klangliche Ergebnis im Studio zu unserer Erinnerung an den tatsächlichen Raum? So wurden die unterschiedlichen Signale von PCM-3D-Array, SPC-Mikrofonen und Stereostützen verglichen und deren Wirkung in der Mischung erprobt.
Es entwickelte sich eine rege Diskussion über Abbildung, Gestaltungsmöglichkeiten und persönliche Präferenzen. Gerade weil alle kurz zuvor dasselbe Instrument im selben Raum gehört hatten, gab es einen ungewöhnlich konkreten gemeinsamen Bezugspunkt.
Jonathan Purchase spielte zusätzlich Orgelaufnahmen aus der unmittelbar benachbarten katholischen Kathedrale vor – also aus genau jenem Gebäude, das uns zu Beginn des Nachmittags beim Vadian-Denkmal bereits begegnet war. Akustisch liegen Welten zwischen den beiden Kirchen. Die Nachhallzeit der Kathedrale ist um ein Mehrfaches länger als jene von St. Laurenzen. Im direkten Vergleich wurde deutlich, wie stark der Raum nicht nur die Aufnahme, sondern bereits den Charakter des Instruments und die musikalische Wahrnehmung prägt.
Was ist reizvoller: die größere Transparenz und räumliche Ortbarkeit in St. Laurenzen oder der lange, tragende Nachhall der Kathedrale? Wie viel davon möchte man in einer Aufnahme transportieren? Und wie weit darf oder soll der Tonmeister bei einer immersiven Mischung gestaltend eingreifen?
Erwartungsgemäß gab es darauf keine allgemeingültige Antwort – dafür umso mehr Gesprächsstoff. Und auch die Erkenntnis, dass ein vorausgehender Besuch der Kathedrale mit eigener Hörprobe eine noch solidere Grundlage für den Vergleich geliefert hätte. Dies soll fürs nächste Mal vorgemerkt sein.
Offiziell näherte sich das Gruppentreffen damit seinem Ende. Inoffiziell wurden die Gespräche im Restaurant bei Speis und Trank weitergeführt – über Orgeln und Mikrofone, Kirchenräume und Atmos-Mischungen, über unterschiedliche Arbeitsweisen und natürlich über vieles, was mit dem eigentlichen Thema des Treffens nur noch am Rande zu tun hatte.
Zurück blieb der Eindruck eines gelungenen Ausflugs und eines außergewöhnlichen Instruments. Vor allem aber zeigte der Nachmittag, wie wertvoll es ist, immersive Audioproduktion nicht nur im Studio zu diskutieren. In St. Laurenzen konnten wir zuerst hören, was räumlicher Klang bedeutet, wenn er ganz ohne Lautsprecher entsteht – und uns unmittelbar danach damit beschäftigen, wie wir Tonmeister versuchen, genau dieses Erlebnis aufzunehmen, zu gestalten und andernorts wieder hörbar zu machen.
Stefan Ritzenthaler arbeitet seit 1998 in der Schweiz, zunächst als Operator und Sounddesigner im Musical, seit 2004 als Tonmeister bei Gallus Media in St. Gallen. Er verantwortet für die J. S. Bach-Stiftung als Aufnahmeleiter die Tonproduktion der Gesamteinspielung des Vokalwerks von Johann Sebastian Bach. Aktuell bereitet er ausgewählte Werke daraus für die Veröffentlichung in Dolby Atmos auf.