Welche Tonmeisterin, welchen Tonmeister braucht der Markt?
Das erste Schweizer VDT-Symposium stellte das Berufsbild auf den Prüfstand.
Text & Images: Wolfgang Müller
Text & Images: Wolfgang Müller
„Wenn ich heute jemanden einstelle, suche ich keinen Spezialisten – ich suche jemanden, der Probleme lösen kann.“ Mit diesem Satz brachte ein Referent des ersten Schweizer VDT-Symposiums an der Zürcher Hochschule der Künste auf den Punkt, was sich wie ein roter Faden durch den Nachmittag zog: Das klassische Berufsbild des Tonmeisters reicht nicht mehr aus. Die Leitfrage lautete: Welche Tonmeisterin, welchen Tonmeister braucht der Markt? Die ehrliche Antwort lautete mehrfach: Nicht mehr den von gestern.
Knapp 30 Teilnehmende – viele davon Studierende oder Berufseinsteiger – diskutierten mit Branchenvertretern aus Rundfunk, Theater, Akustikdesign und Medienproduktion. Ueli Würth vom SRF schilderte die Realität der Außenübertragung: „Unsere Leute müssen heute Netzwerke verstehen, Systeme planen und gleichzeitig musikalische Verantwortung übernehmen. Wer nur mischen kann, kommt nicht weit.“ Vielseitigkeit ist kein Bonus, sondern Grundvoraussetzung. Der Ausbildungsweg spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sind Eigenständigkeit und Lernfähigkeit, sowie natürlich eine grundsätzliche Begeisterung für den „Service Public“.
Robert Hermann vom Theater Basel beschrieb eine Produktionsrealität, in der immersive Beschallungskonzepte, Timecode-vernetzte Systeme und extreme Zeitknappheit Alltag sind. „Wir haben keine Zeit für lange Einarbeitung. Wer bei uns anfängt, muss improvisieren können und in der Lage sein, auch mitunter bizarre Regieanforderungen umzusetzen.“ Die technische Komplexität der Produktionen ist in den letzten Jahrzehnten extrem angestiegen. Akademische Abschlüsse seien willkommen, aber nicht ausschlaggebend. Gefragt sind Stressresistenz, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, sich schnell in neue Systeme einzuarbeiten.
Martin Lachmann aus dem Bereich Akustikdesign betonte die besondere Rolle analytischer Hörkompetenz: „Tonmeister bringen etwas mit, das man nicht studieren kann: analytisches Hören mit musikalischem Kontext.“ Ob Konzertsaal, Studio oder Fahrzeugakustik – gefragt sind Fachleute, die Klang nicht nur messen, sondern beurteilen können und bereit sind, hohe Budgetverantwortung zu übernehmen. Teamfähigkeit ist essenziell, da Projekte oft interdisziplinär angelegt sind, wobei eine gewisse Frustrationstoleranz hilfreich ist, weil etliche Projekte am Ende an der Finanzierung scheitern.
Johannes Widmer, CTO bei Gallus Media, machte deutlich: „Die wichtigste Aufgabe ist heute nicht mehr das Mischpult und die Fixierung auf feinste Einstellungen. Es ist das System.“ Technische Stabilität, Netzwerkverständnis, genre-übergreifendes Verständnis und Kommunikationsfähigkeit stehen gleichberechtigt neben künstlerischer Kompetenz.
Beim Round Table wurde deutlich: Der Markt verlangt keine engen Spezialist:innen mehr, sondern technisch breit aufgestellte Teamplayer mit hoher Lernbereitschaft. Professor Andreas Werner von der ZHdK formulierte es so: „Entscheidend ist die Fähigkeit zur ehrlichen Selbsteinschätzung. Wer glaubt, ausgelernt zu haben, wird es schwer haben.“ Es ist eine Tatsache, dass im modernen Berufsbild der Tonmeister:in technische Kompetenz und Vielseitigkeit musikalische Versiertheit dominieren. Damit wurde das Symposium zu einer Standortbestimmung für den Nachwuchs und zu einer Feedback-Schleife zwischen Ausbildung und Markt.
Aus den Beiträgen des Symposiums lässt sich ein klares Kompetenzbild ableiten. Der Markt sucht keine engen Spezialisten, sondern technisch breit aufgestellte Systemdenker. Netzwerkverständnis gehört ebenso selbstverständlich dazu wie musikalische Sensibilität. Wer Produktionsumgebungen plant oder betreut, muss Signalketten ebenso denken können wie Teamstrukturen.
IT-Grundlagen sind keine Zusatzqualifikation mehr, sondern Basis. Gleichzeitig bleibt eine Fähigkeit unersetzlich: das analytische Hören. Die Verbindung von Technik und ästhetischer Bewertung ist nach wie vor Kern des Berufs. Hinzu kommt eine ausgeprägte soziale Kompetenz. Kommunikation, Teamfähigkeit und Stressresistenz werden von Arbeitgebern offen als Einstellungskriterien benannt. Und vielleicht entscheidender als jede Einzelkompetenz: die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Was ursprünglich als Idee für ein Treffen der VDT-Regionalgruppe Schweiz gedacht war, entwickelte sich zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft des Berufsbildes, sowie zu einer guten Gelegenheit zum fachlichen Austausch zwischen „Grünschnäbeln“ und „alten Hasen“. Ein zweites Symposium ist bereits für Oktober 2026 geplant. Die Kernfrage bleibt: Wie flexibel muss ein Berufsbild sein, um in einer zunehmend hybriden Audiowelt zu bestehen? Die Antwort aus Zürich war klar – Breite, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit und die Bereitschaft, permanent zu lernen und sich an alle Anforderungen anzupassen.
Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an die Referenten, besonders an Martin Lachmann, der denkbar kurzfristig für eine erkrankte Referentin eingesprungen war, sowie an Andreas Werner und Andreas Brüll, die uns die Räumlichkeiten der ZHdK kostenfrei zur Verfügung gestellt haben. Ein ganz besonderes Dankeschön geht außerdem an Marc Straehl von der Firma SLG Broadcast, der freundlicherweise die Versorgung während der Kaffeepause gesponsort hatte.
Wolfgang Müller, Dipl.-Tonmeister, geboren 1961 in Wetzikon (Kanton Zürich, Schweiz), 1982 bis 1988 Tonmeisterstudium an der HdK (heute UdK) Berlin, von 1988 bis 2002 tätig als freier Tonmeister für WDR und DW, sowie für das Label Querstand, arbeitet seit 2002 als festangestellter Tonmeister in der klassischen Musikproduktion bei Radiotelevisione della Svizzera italiana (RSI), dem italofonen Sender der Schweizer Rundfunkgesellschaft (SRG)