Kolumne Filmton: Team, Raum und Entwicklung
Dritter Teil der Serie über eine Filmproduktion, bei der der Ton eine zentrale Rolle einnimmt
Text & Bilder: Ray Zuber
Text & Bilder: Ray Zuber
Im Rahmen eines Filmprojekts mit der Regisseurin Xüe, bei dem Set-Ton, Sound-Design und Mischung bewusst als zusammenhängender Prozess gedacht werden, verschiebt sich nach dem Dreh der Fokus: von der Entscheidung im Moment hin zur Entwicklung über Zeit.
Während im zweiten Beitrag (Link zu Teil 2) die Entstehung von Klangmaterial als Ausgangspunkt im Fokus stand, verschiebt sich der Blick nun auf dessen Weiterentwicklung im Zusammenspiel von Team, Raum und Erfahrung. Mit dem im Schnitt verwendeten Material entsteht ein Geflecht aus Bild, Klang und Austausch, in dem Entscheidungen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig getroffen werden.
Der Dreh in Polen führte uns an Orte, die sich nur bedingt vorbereiten lassen: Schnee, Eis, eine Kirchenruine. Bedingungen, die nicht nur visuell, sondern auch körperlich erfahrbar waren. Kälte ist dabei kein abstrakter Begriff. Sie verändert Wahrnehmung, Bewegung und Konzentration. Geräusche verhalten sich anders, Schritte im Schnee bekommen eine eigene Präsenz, Wind wird zum dominierenden Element.
Diese Erfahrung war wegweisend. Es ging nicht darum, sie möglichst genau abzubilden, sondern sie als Grundlage für spätere klangliche Entscheidungen zu verstehen. Parallel zum Dreh entstanden gezielte Aufnahmen: Schritte, Wind, Fragmente von Sprache, räumliche Atmosphären. Nicht als vollständige Abbildung der Szene, sondern als Material, das später verdichtet werden kann.
Zurück im Studio wurden diese Aufnahmen nicht einfach verwendet, sondern weiterentwickelt. Es entstanden erste Sounddesign-Collagen, ergänzt durch Foley und zusätzliche Klangelemente. Diese Collagen hatten keine feste dramaturgische Funktion. Sie dienten als klangliche Skizzen – als Möglichkeit, den Raum des Films hörbar zu machen, bevor er endgültig definiert ist. Dabei wurde deutlich, dass Klang nicht nur beschreibt, sondern formt. Er beeinflusst, wie Bilder gelesen werden, wie Zeit wahrgenommen wird und welche Bedeutung einzelnen Momenten zukommt.
In der weiteren Entwicklung wurde dieser Ansatz zum verbindenden Element innerhalb des Teams. Regie, Schnitt und Ton arbeiteten nicht sequenziell, sondern im Austausch. Klangmaterial wurde geteilt, diskutiert, verworfen und neu eingesetzt. Entscheidungen blieben bewusst offen, um auf Veränderungen im Schnitt reagieren zu können.
Diese Form der Zusammenarbeit erfordert Vertrauen. Nicht jede Idee führt direkt zu einem Ergebnis. Nicht jede Aufnahme findet ihren Platz. Aber gerade in dieser Offenheit entstehen Möglichkeiten, die sich in einem streng linearen Workflow kaum ergeben würden.
Eine zweite Session in Kehdingbruch knüpfte an die erste im letzten Heft beschriebene Orgelaufnahme an. Ziel war es, das vorhandene Material zu erweitern und neue Variationen zu entwickeln. Diesmal wurden zusätzliche Klangquellen integriert: analoge Synthesizer, vorbereitete Rauschflächen und externe Zuspielungen, die in den Raum der Kirche eingebracht wurden. Die Orgel wurde erneut gespielt und gleichzeitig als Resonanzkörper genutzt.
Auch hier blieb die Arbeitsweise improvisiert. Klänge entstanden im Moment, wurden direkt aufgenommen und nicht nachträglich konstruiert. Ein besonderer Fokus lag auf tiefen Frequenzen und körperlicher Wahrnehmung. Der Raum wurde gezielt angeregt, um ein Gefühl für spätere Möglichkeiten im finalen Mix zu entwickeln.
Mit zunehmender Verdichtung des Materials wurde der Raum selbst zum zentralen Thema. Nicht im technischen Sinne, sondern als gestalterisches Element. Die Frage war nicht, wie viele Kanäle zur Verfügung stehen, sondern welche Wirkung entstehen soll: Nähe oder Distanz, Orientierung oder Auflösung, Stabilität oder Unsicherheit. In diesem Zusammenhang wurde auch die Nutzung von Dolby Atmos diskutiert – nicht als Selbstzweck, sondern als Erweiterung der Möglichkeiten, Klang im Raum zu denken. Mono, Stereo und räumliche Elemente wurden dabei nicht hierarchisch betrachtet, sondern als gleichwertige Werkzeuge.
Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Rolle von KI in solchen Prozessen. Viele technische Schritte lassen sich bereits unterstützen oder automatisieren. Was jedoch bleibt, ist die Abhängigkeit vom Kontext.
Die hier beschriebenen Entscheidungen entstehen nicht isoliert. Sie ergeben sich aus Orten, Situationen, Gesprächen und Erfahrungen. Sie verändern sich im Austausch und sind oft erst im Nachhinein nachvollziehbar. Künstliche Intelligenz kann Muster erkennen und reproduzieren.
Sie kann jedoch nicht erleben, was ein Ort bedeutet, oder entscheiden, wann eine Unschärfe sinnvoller ist als Präzision. Vor allem fehlt ihr die Einbindung in einen offenen, kollektiven Prozess.
Audiogestaltung zeigt sich hier als ein Zusammenspiel aus Material, Erfahrung und Teamarbeit. Nicht alles ist planbar. Nicht alles ist kontrollierbar. Aber genau daraus entsteht eine Form von Qualität, die sich nicht allein aus Technik ableiten lässt.
Klang ist in diesem Zusammenhang keine Ergänzung zum Bild, sondern Teil einer gemeinsamen Entwicklung – getragen vom Team und von der Zeit, die diesem Prozess gegeben wird.
Ray Zuber ist Sounddesigner und Tonmeister mit Erfahrung in Set-Ton, Sounddesign und Mischung für TV- und Internetformate. Er versteht Ton als integralen Teil der filmischen Gestaltung und arbeitet bevorzugt dort, wo klangliche Entscheidungen früh getroffen werden. Ray ist stellvertretender Leiter der VDT-Regionalgruppe Köln.