Neo-Klassik in Island
Wie Viktor Orri Árnason POEMS mit einer mobilen Neumann-Signalkette realisierte

Wer klassische Musik außerhalb kontrollierter Studioumgebungen aufnimmt, kennt die Herausforderung: Jeder Ort stellt neue Anforderungen an Mikrofonierung, Monitoring und Signalführung. Für das Projekt POEMS erweckten der Komponist, Violinist und Produzent Viktor Orri Árnason und die Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir isländische Gedichte an einigen der atemberaubendsten Orte der Insel zum Leben. Die Atmosphäre dieser historisch und landschaftlich bedeutenden Orte sollte dabei ebenso erhalten bleiben wie die musikalische Darbietung, denn parallel zum Album entstand ein Film, der die Aufnahmen begleitet.
Im Zentrum des Recording-Setups stand eine bewusst reduzierte Signalkette: „Der gesamte Film wurde mit zwei miteinander verbundenen Neumann MT 48-Interfaces aufgenommen, wodurch ich über vier makellose Aufnahmekanäle verfügte. Das war mein gesamtes Aufnahmerückgrat“, so Viktor Orri Árnason.

Klein, aber fein
Mit lediglich vier Kanälen entstanden Aufnahmen von Gesang, Streichquartett, Klavier und Harmonium. Die Streicher wurden mit einem Stereo-Set aus KM 184 Mikrofonen erfasst, für den Gesang kam überwiegend ein U 67 zum Einsatz. Ergänzt wurde das Setup durch MCM-Clip-Mikrofone, wenn eine besonders unauffällige Positionierung gefragt war. „Das U 67 ist wahrscheinlich mein Lieblingsmikrofon aller Zeiten. Ich habe es, wann immer möglich, für Gesang eingesetzt, und es fängt etwas ein, das über bloße Klarheit hinausgeht – ich würde sagen, es fängt emotionale Tiefe ein.“
Für Árnason war die Reproduzierbarkeit des Setups wichtiger als dessen Größe. Einmal definierte Gain-Strukturen und Routings konnten an jedem Drehort unmittelbar wiederhergestellt werden: „Die Konsistenz und klangliche Integrität der von uns verwendeten Signalkette haben das gesamte Projekt erst möglich gemacht.“ Abgehört wurde ausschließlich über Kopfhörer: „Der NDH 20 Kopfhörer war absolut unverzichtbar. Wenn man an abgelegenen Orten aufnimmt, wird der Kopfhörer zum Kontrollraum.“
Besonders eindrucksvoll war eine Aufnahme vor einem isländischen Gletscher: „Es wehte kaum Wind, was für einen solchen Drehort eigentlich unglaublich ist. Alles war einfach … still. Und gerade deshalb konnten wir so aufnehmen, dass es sich unglaublich klar anhörte, fast so, als wären wir drinnen.“

Qualität zählt
Die Erfahrungen aus POEMS bestätigen eine Erkenntnis, die vielen Tonmeisterinnen und Tonmeistern vertraut sein dürfte: Nicht die Größe eines Setups entscheidet über das Ergebnis, sondern die Qualität – sowohl des Equipments wie auch der Entscheidungen: „Wir hatten ein sehr kleines Setup, nur wenige Kanäle, ein kleines Team – und trotzdem konnten wir etwas einfangen, das sehr vollständig klingt. Wenn man frühzeitig die richtigen Entscheidungen trifft und hervorragende Werkzeuge zur Hand hat, muss man später nichts mehr nachbessern.“
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