Wenn der Monitormix eine neue Dimension bekommt

3D-In-Ear-Monitoring

Text: Tobias Berlet Fotos: Jeffrey Löwe, Redaktion

Block 1

Ein guter Monitormix fällt im Idealfall gar nicht auf. Der Musiker denkt nicht darüber nach, ob die Snare laut genug ist oder die Gitarre etwas mehr Höhen vertragen könnte. Er konzentriert sich auf seine Performance. Und hier kommt die Aufgabe eines Monitor-Engineers ins Spiel: eine ­Hörumgebung zu schaffen, die Orientierung gibt und Akzente setzt, ohne zu dominieren.

Block 2

Mit zunehmender Kanalzahl steigt die Komplexität der Signalverwaltung und des Routings erheblich, wodurch höhere Anforderungen an die Systemarchitektur und die Bedienbarkeit gestellt werden. Moderne Produktionen umfassen nicht selten mehr als 60 Eingangskanäle. Mehrere Gitarren, Keyboards, Percussion, Backing-Vocals, Clicktracks und Playback-Spuren konkurrieren im Monitormix um Aufmerksamkeit. In einem klassischen Stereo-Mix stehen dafür lediglich zwei Wiedergabekanäle zur Verfügung. Das Ergebnis kennt jeder Monitor-Engineer: Durch frequenzabhängige Maskierungseffekte überdecken sich einzelne Signale gegenseitig.

In der Folge fordern Musiker eine höhere Gewichtung ihres eigenen Signals im Monitormix, was zu einer kontinuierlichen Erhöhung des Gesamtpegels führt. Doch mehr Lautstärke löst das Problem selten – im Gegenteil: Mit jedem Dezibel nimmt die Hörermüdung zu, während die Verständlichkeit kaum besser wird. Das Problem liegt weniger im Pegel als in der Art, mit der unser Gehör Schall verarbeitet. Treffen mehrere Instrumente aus derselben Richtung und in ähnlichen Frequenzbereichen auf das Ohr, beginnt das Gehirn, sie zusammenzufassen. Einzelne Signale verlieren an Kontur, wichtige musikalische Informationen gehen verloren. Genau hier setzt dreidimensionales In-Ear-Monitoring an.

Bessere auditive Trennung

Jeffrey Löwe mischt das 3D-Monitoring der Heavytones bei der Sendung „Chefsache ESC“ im Rahmen der deutschen Bewerbung für den ESC 2025.
Jeffrey Löwe mischt das 3D-Monitoring der Heavytones bei der Sendung „Chefsache ESC“ im Rahmen der deutschen Bewerbung für den ESC 2025.

Es gibt heute Systeme, die – ungleich der klassischen Stereo-Mixes – einen anderen, immersiven Ansatz verfolgen. Instrumente werden nicht ausschließlich zwischen links und rechts verteilt, sondern erhalten einen festen Platz auf einer virtuellen Bühne. Gitarren können seitlich neben dem Hörer positioniert werden, Keyboards rücken etwas weiter nach hinten, Bläser stehen leicht erhöht und die Backing-Vocals erhalten Abstand zum Leadsänger. Auf den ersten Blick könnte dieser Eindruck als räumlicher Effekt interpretiert werden. Tatsächlich steht jedoch nicht die räumliche Abbildung im Vordergrund, sondern die Verbesserung der auditiven Orientierung.

Unser Gehör ist darauf ausgelegt, Schallquellen im Raum zu lokalisieren. Im Alltag geschieht das völlig unbewusst. Wir erkennen, aus welcher Richtung ein Auto kommt oder wo sich eine sprechende Person befindet. Diese Fähigkeit nutzt ein 3D-Monitoring-System gezielt aus. Für den Musiker fühlt sich das oft überraschend natürlich an. Die Band wird nicht mehr im Kopf lokalisiert, sondern wirkt wie auf einer Bühne vor ihm platziert. Viele beschreiben den ersten Eindruck als entspannter und deutlich übersichtlicher. Nicht, weil plötzlich mehr Details hörbar wären, sondern weil das Gehirn weniger Energie aufbringen muss, um die einzelnen Klangquellen voneinander zu unterscheiden.

Mehr Raum statt mehr Pegel

Die Grundlagen dieser virtuellen, dreidimensionalen Klangbühne sind in der vorliegenden Ausgabe hinreichend in anderen Beiträgen erläutert worden. Jedenfalls schafft diese beim Hörer den Eindruck, einzelne Instrumente oder Stimmen befänden sich an klar definierten Positionen vor, neben oder hinter ihm, obwohl physikalisch lediglich zwei Audiokanäle übertragen werden. Für das In-Ear-Monitoring ist dies ein grundlegender Unterschied zur konventionellen Stereoabbildung. Anstatt sämtliche Signale ausschließlich über Lautstärke und Panorama voneinander zu trennen, können sie gezielt im virtuellen Raum positioniert werden. Dadurch verbessert sich die auditive Orientierung, einzelne Schallquellen lassen sich leichter voneinander unterscheiden und die Übersichtlichkeit komplexer Monitormischungen nimmt deutlich zu.

Monitormix mit neuen Werkzeugen

Ein 3D-Monitoring-System sollte ins Monitor-Mischpult integriert sein. In diesem Artikel zeigen wir beispielhaft die Kombination aus Digico-Monitormischpult und Klang-3D-Monitoring-System.
Ein 3D-Monitoring-System sollte ins Monitor-Mischpult integriert sein. In diesem Artikel zeigen wir beispielhaft die Kombination aus Digico-Monitormischpult und Klang-3D-Monitoring-System.

Im klassischen Stereo-Monitoring wird Verständlichkeit häufig mit dem Equalizer geschaffen. Zwei Instrumente konkurrieren im gleichen Frequenzbereich? Dann werden Mitten abgesenkt, Höhen angehoben oder störende Resonanzen entfernt. Diese Werkzeuge bleiben selbstverständlich auch im 3D-Monitoring unverzichtbar. Ihre Aufgabe verändert sich jedoch.

Statt Konflikte ausschließlich über Frequenzbearbeitung zu lösen, kann der Monitor-Engineer Instrumente räumlich voneinander trennen. Anstelle der panoramabasierten Signalverteilung werden die Schallquellen innerhalb eines dreidimensionalen Hörraums positioniert. Dies ermöglicht die deutlich verbesserte Separation einzelner Instrumente und Stimmen sowie eine gezielte Gestaltung ihrer relativen Positionen im Monitormix. Dadurch entstehen häufig Freiräume, die zuvor mit umfangreichen EQ-Eingriffen geschaffen werden mussten. Der Equalizer übernimmt wieder seine eigentliche Aufgabe: Resonanzen beseitigen, Klangfarben formen und problematische Frequenzen kontrollieren. Weniger Bearbeitung bedeutet dabei keineswegs weniger Kontrolle. Vielmehr bleibt der natürliche Klangcharakter der Instrumente besser erhalten.

Raum schafft Orientierung

Auch beim Einsatz von Hall verändert sich die Perspektive. In vielen Monitormischungen wird vollständig auf Hall verzichtet. Die Sorge ist nachvollziehbar: Zu viel Nachhall verschlechtert die Sprachverständlichkeit und erschwert die rhythmische Orientierung. Ganz ohne Diffusschall-Anteil wirkt ein In-Ear-Mix jedoch häufig künstlich. Besonders Sänger*innen empfinden einen komplett trockenen Mix oft als unangenehm und wünschen sich dann in Folge unbewusst mehr Lautstärke. Verwendet man einen kurzen, sauber abgestimmten Hall, dann kann man dieses Problem verhindern. Er vermittelt dem Musiker ein Gefühl für den raumakustischen Anteil und unterstützt die Intonation, ohne den Mix zu verschleiern.

Im Zusammenspiel mit einem 3D-Monitoring-System ist die akustische Simulation einer räumlichen Umgebung keine Kür, sondern unbedingt notwendig. Sie erst ermöglicht die Externalisierung der Tonsignale der Monitormischung. Sie unterstützt die räumliche Position eines Instruments zusätzlich und lässt dessen Entfernung auf der virtuellen Bühne glaubwürdiger erscheinen. Der erzeugte Klangeindruck wird also nicht mehr als Effekt verwendet, sondern ist grundlegender Teil der räumlichen 3D-Abbildung.

Block 7

Anordnung der einzelnen Quellen im Kopfhörer-Orbit

Level-Einstellungen der Aux-Sends

Median-Ebene im 3D-Monitoring-System

Low-End braucht Struktur

Besonders deutlich zeigen sich die Vorteile räumlicher Mischungen im Bassbereich. Kickdrum, Bassgitarre, Synthesizer und tiefe Toms teilen sich häufig denselben Frequenzbereich. Will man dieses Problem ausschließlich über Pegel lösen, so entsteht schnell ein druckvoller, aber wenig definierter Monitormix, denn tiefe Frequenzen lassen sich nur eingeschränkt lokalisieren. Auch ein 3D-System hebt die Gesetze der Physik natürlich nicht auf. Die Obertöne dieser Instrumente liefern unserem Gehör jedoch genügend Informationen, um sie räumlich besser zu trennen. Dadurch lassen sich Kick und Bass häufig sauberer voneinander unterscheiden. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an drastischen EQ-Eingriffen. Das Ergebnis wirkt kontrollierter, transparenter und deutlich weniger ermüdend.

System-Latenz – Problem oder Mythos?

Kaum ein Thema sorgt bei digitalen Monitorsystemen regelmäßig für so viele Diskussionen wie die Latenz. Dabei entsteht häufig der Eindruck, bereits wenige Millisekunden Verzögerung durch die Monitormix-Bearbeitung würden ein System unbrauchbar machen. Ein Blick auf die akustische Realität relativiert diese Einschätzung.

Schall breitet sich in Luft bei 20° C mit etwa 343 m/s aus. Bereits ein Laufwegunterschied von einem Meter entspricht daher einer Laufzeitdifferenz von rund 2,9 ms. Solche zeitlichen Unterschiede sind eine wesentliche Grundlage der räumlichen Schalllokalisation. Steht ein Gitarrist drei Meter vom Schlagzeug entfernt, erreicht ihn der Schall der Snare fast neun Millisekunden später als sie gespielt wird. Im Proberaum, auf der Bühne oder im Orchestergraben sind solche Laufzeiten vollkommen normal. Unser Gehör verarbeitet sie seit jeher, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Deshalb sollte eine Diskussion über die System-Latenz nicht auf einzelne Millisekunden reduziert werden. Entscheidend ist vielmehr die Gesamtlatenz eines Systems. Sie setzt sich aus der A/D- und D/A-Wandlung, der Signalverarbeitung, der Netzwerkübertragung, der DSP-Berechnung und gegebenenfalls der Funkstrecke zusammen. Die zusätzliche Signalverarbeitung eines 3D-Monitorsystems trägt hierzu nur einen sehr kleinen Anteil bei. Als Beispiel: Die reine Verarbeitungslatenz eines KLANG-Prozessors beträgt weniger als 0,25 ms (ohne I/O-Karten) und liegt damit um ein Vielfaches unter den natürlichen Schalllaufzeiten, die Musiker auf jeder Bühne erleben. In der Gesamtlatenz des Systems spielt sie daher in der Praxis nur eine untergeordnete Rolle.

Block 10

Kritisch wird Latenz vor allem dann, wenn zwei Versionen desselben Signals nahezu gleichzeitig wahrgenommen werden. Das betrifft insbesondere Sänger. Sie hören ihre Stimme einerseits über das In-Ear-System, andererseits direkt über die Knochenleitung und den Luftschall. Stimmen beide Signale zeitlich nicht ausreichend überein, entsteht ein ungewohnter Höreindruck, der sich auf Timing und Intonation auswirken kann. Für Instrumentalisten hingegen entspricht die Gesamtlatenz moderner Monitorsysteme häufig den Laufzeiten, die sie von ihrer täglichen Bühnensituation ohnehin kennen.

Ein zusätzlicher Werkzeugkasten

3D-In-Ear-Monitoring ersetzt keinen guten Monitormix. Schlechte Pegelverhältnisse, problematische Frequenzüberlagerungen oder mangelnde Kommunikation mit den Musikern lassen sich auch mit der besten Technologie nicht kompensieren. Richtig eingesetzt erweitert die räumliche Audiowiedergabe jedoch den Werkzeugkasten des Monitor-Engineers. Statt ausschließlich mit Pegel und Equalizer zu arbeiten, kommt eine weitere Dimension hinzu: der Raum.

Das Ergebnis ist selten spektakulär im klassischen Sinne. Es geht nicht darum, einen möglichst beeindruckenden Surround-Effekt zu erzeugen. Ziel ist vielmehr eine natürliche Hörumgebung, in der Musiker schneller Orientierung finden, entspannter arbeiten und ihren Monitormix oft sogar mit geringerem Pegel betreiben können. Vielleicht ist genau das die größte Stärke des 3D-In-Ear-Monitorings: Es lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf die Technik, sondern auf die Musik.

Block 12

Tobias Berlet ist Live-Sound-Engineer am FOH- und Monitor-Mixer. Er engagiert sich seit vielen Jahren im Leitungsteam des VDT-Beschallungsreferats.